-
XIII.
XIII.
-
Er ging fort, er ging nicht zur Stadt zurück, sondern schlug, ohne es zu wollen, einen Weg ein, der von der Allee abzweigte und zu dem ehemaligen Festungswall am Flusse führte.
He walked away; he did not return to the town, but, without intending to, took a path that branched off from the avenue and led to the former rampart by the river.
-
Es gab dort wohlgepflegte Anlagen, schattige Wege und Bänke.
There were well-kept gardens there, shady paths, and benches.
-
Er ging schnell und besinnungslos, ohne aufzublicken.
He walked quickly and blindly, without looking up.
-
Es war ihm unerträglich heiss, und er fühlte, wie die Flammen in ihm auf und nieder schlugen, und wie es in seinem müden Kopfe unerbittlich pochte ...
He felt intolerably hot, and he felt the flames leaping up and down within him, and his tired head throbbing relentlessly...
-
Lag noch immer nicht ihr Blick auf ihm?
Was her gaze not still resting on him?
-
Aber nicht wie zuletzt, leer und ohne Ausdruck, sondern wie vorher, mit dieser zitternden Grausamkeit, nachdem sie eben noch in jener seltsam stillen Art zu ihm gesprochen hatte?
But not as it had been at the end, empty and expressionless, but as before, with that trembling cruelty, after she had just spoken to him in that strangely quiet manner?
-
Ach, ergötzte es sie, ihn hilflos zu machen und ausser sich zu bringen?
Ah, did it delight her to render him helpless and drive him beside himself?
-
Konnte sie, wenn sie ihn durchschaute, nicht ein wenig Mitleid mit ihm haben?...
Could she not, if she saw through him, have a little pity on him?...
-
Er war unten am Flusse entlang gegangen, neben dem grün bewachsenen Walle hin, und er setzte sich auf eine Bank, die von Jasmingebüsch im Halbkreis umgeben war.
He had walked down along the river, beside the green-overgrown rampart, and he sat down on a bench surrounded in a semicircle by jasmine bushes.
-
Rings war alles voll süssen, schwülen Duftes.
All around, the air was filled with a sweet, sultry scent.
-
Vor ihm brütete die Sonne auf dem zitternden Wasser.
Before him, the sun brooded on the shimmering water.
-
Wie müde und abgehetzt er sich fühlte, und wie doch alles in ihm in qualvollem Aufruhr war!
How tired and exhausted he felt, and yet how everything within him was in agonizing turmoil!
-
War es nicht das beste, noch einmal um sich zu blicken und dann hinunter in das stille Wasser zu gehen, um nach einem kurzen Leiden befreit und hinübergerettet zu sein in die Ruhe?
Would it not be best to look around once more and then go down into the quiet water, to be set free after a brief suffering and saved over into peace?
-
Ach, Ruhe, Ruhe war es ja, was er wollte!
Ah, peace, peace was indeed what he wanted!
-
Aber nicht die Ruhe im leeren und tauben Nichts, sondern ein sanftbesonnter Friede, erfüllt von guten, stillen Gedanken.
But not the peace of the empty and deaf nothingness, but a gently sunlit peace, filled with good, quiet thoughts.
-
Seine ganze zärtliche Liebe zum Leben durchzitterte ihn in diesem Augenblick und die tiefe Sehnsucht nach seinem verlorenen Glück.
His whole tender love for life sent a shudder through him in this moment, along with a deep longing for his lost happiness.
-
Aber dann blickte er um sich in die schweigende, unendlich gleichgültige Ruhe der Natur, sah, wie der Fluss in der Sonne seines Weges zog, wie das Gras sich zitternd bewegte und die Blumen dastanden, wo sie erblüht waren, um dann zu welken und zu verwehen, sah, wie alles, alles mit dieser stummen Ergebenheit dem Dasein sich beugte, -- und es überkam ihn auf einmal die Empfindung von Freundschaft und Einverständnis mit der Notwendigkeit, die eine Art von Überlegenheit über alles Schicksal zu geben vermag.
But then he looked around into the silent, infinitely indifferent peace of nature, saw how the river went its way in the sun, how the grass moved tremulously and the flowers stood where they had bloomed, only to wither and blow away, saw how everything, everything bowed to existence with this mute resignation, -- and all at once there came over him a feeling of friendship and harmony with necessity, which is capable of giving a kind of superiority over all fate.
-
Er dachte an jenen Nachmittag seines dreissigsten Geburtstages, als er, glücklich im Besitze des Friedens, ohne Furcht und Hoffnung über den Rest seines Lebens hinzublicken geglaubt hatte.
He thought of that afternoon of his thirtieth birthday, when, happy in the possession of peace, he had believed he could look out over the rest of his life without fear or hope.
-
Kein Licht und keinen Schatten hatte er da gesehen, sondern in mildem Dämmerschein hatte alles vor ihm gelegen, bis es dort hinten, unmerklich fast, im Dunkel verschwamm, und mit einem ruhigen und überlegenen Lächeln hatte er den Jahren entgegen gesehen, die noch zu kommen hatten -- wie lange war das her?
He had seen neither light nor shadow then; rather, everything had lain before him in a mild twilight until, way back there, almost imperceptibly, it faded into the dark, and with a quiet and superior smile he had looked forward to the years that were yet to come -- how long ago was that?
-
Da war diese Frau gekommen, sie musste kommen, es war sein Schicksal, sie selbst war sein Schicksal, sie allein!
Then this woman had come; she had to come, it was his fate, she herself was his fate, she alone!
-
Hatte er das nicht gefühlt vom ersten Augenblicke an?
Had he not felt that from the very first moment?
-
Sie war gekommen, und ob er auch versucht hatte, seinen Frieden zu verteidigen, -- für sie musste sich alles in ihm empören, was er von Jugend auf in sich unterdrückt hatte, weil er fühlte, dass es für ihn Qual und Untergang bedeutete; es hatte ihn mit furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt ergriffen und richtete ihn zu Grunde!
She had come, and though he had tried to defend his peace, -- for her sake, everything within him had to rebel that he had suppressed since youth, because he felt that it meant torment and ruin for him; it had seized him with terrible, irresistible force and was destroying him!
-
Es richtete ihn zu Grunde, das fühlte er.
It was destroying him, he felt it.
-
Aber wozu noch kämpfen und sich quälen?
But why keep fighting and tormenting oneself?
-
Mochte alles seinen Lauf nehmen!
Let everything take its course!
-
Mochte er seinen Weg weitergehen und die Augen schliessen vor dem gähnenden Abgrund dort hinten, gehorsam dem Schicksal, gehorsam der überstarken, peinigend süssen Macht, der man nicht zu entgehen vermag.
Let him go on his way and close his eyes to the yawning abyss back there, obedient to fate, obedient to the overwhelmingly powerful, agonizingly sweet force that cannot be escaped.
-
Das Wasser glitzerte, der Jasmin atmete seinen scharfen, schwülen Duft, die Vögel zwitscherten rings umher in den Bäumen, zwischen denen ein schwerer, sammetblauer Himmel leuchtete.
The water glittered, the jasmine exhaled its sharp, sultry scent, the birds chirped all around in the trees, between which a heavy, velvet-blue sky gleamed.
-
Der kleine bucklige Herr Friedemann aber sass noch lange auf seiner Bank.
Little hunchbacked Herr Friedemann, however, sat on his bench for a long time.
-
Er sass vornüber gebeugt, die Stirn in beide Hände gestützt.
He sat bent forward, resting his forehead in both hands.