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  1. Kalif Storch

    Caliph Stork

  2. Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus.

    Once upon a time, on a fine afternoon, Caliph Chasid of Baghdad was sitting comfortably on his sofa; he had taken a short nap, for it was a hot day, and now looked quite cheerful after his sleep.

  3. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte.

    He smoked from a long rosewood pipe, drank a little coffee now and then poured for him by a slave, and stroked his beard with delight whenever he had enjoyed it.

  4. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war.

    In short, anyone could tell that the Caliph was feeling very well indeed.

  5. Um diese Stunde konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war, deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese Zeit.

    At this hour, he was very good to speak with, as he was always quite mild and affable then; for this reason, his Grand Vizier Mansor visited him every day at this time.

  6. An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit.

    On this particular afternoon he came as well, but looked very thoughtful, quite contrary to his usual habit.

  7. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach:

    The Caliph took the pipe out of his mouth a little and said:

  8. „Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Großwesir?“

    “Why are you making such a thoughtful face, Grand Vizier?”

  9. Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte sich vor seinem Herrn und antwortete:

    The Grand Vizier crossed his arms over his chest, bowed before his lord, and answered:

  10. „Herr, ob ich ein nachdenkliches Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da drunten am Schloß steht ein Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel überflüssiges Geld zu haben.“

    “My lord, whether I am making a thoughtful face I do not know, but down below at the palace stands a peddler who has such fine things that it vexes me not to have much spare money.”

  11. Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht hätte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer heraufzuholen.

    The Caliph, who had long wished to bring pleasure to his Grand Vizier, sent his black slave down to bring the peddler up.

  12. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück.

    Soon the slave returned with the peddler.

  13. Dieser war ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug.

    The peddler was a short, fat man, dark brown in the face and dressed in ragged clothes.

  14. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme.

    He carried a chest in which he had all kinds of goods: pearls and rings, richly mounted pistols, cups, and combs.

  15. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs aber einen Kamm.

    The Caliph and his Vizier inspected everything, and in the end the Caliph bought fine pistols for himself and Mansor, and a comb for the Vizier's wife.

  16. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waren seien.

    Just as the peddler was about to close his chest again, the Caliph noticed a small drawer and asked if there were goods in there too.

  17. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte.

    The peddler pulled out the drawer and showed inside it a box containing a blackish powder and a piece of paper with strange writing that neither the Caliph nor Mansor could read.

  18. „Ich bekam einmal diese zwei Stücke von einem Kaufmanne, der sie in Mekka auf der Straße fand“, sagte der Krämer, „Ich weiß nicht, was sie enthalten; euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.“

    “I once received these two items from a merchant who found them on the street in Mecca,” said the peddler. “I do not know what they contain; they are at your service for a small price, as I can do nothing with them anyway.”

  19. Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den Krämer.

    The Caliph, who liked having old manuscripts in his library even if he could not read them, bought the document and the box and dismissed the peddler.

  20. Der Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern könnte.

    The Caliph, however, thought he would like to know what the document contained, and asked the Vizier if he knew anyone who could decipher it.

  21. „Gnädigster Herr und Gebieter“, antwortete dieser, „an der großen Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen Züge.“

    “Most gracious lord and master,” replied the latter, “by the great mosque lives a man named Selim the Scholar, who understands all languages; send for him, perhaps he recognizes these mysterious characters.”

  22. Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt.

    Selim the Scholar was soon brought in.

  23. „Selim“, sprach zu ihm der Kalif, „Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen, weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.“

    “Selim,” the Caliph said to him, “Selim, it is said that you are very learned; take a look at this writing to see if you can read it. If you can read it, you shall receive a new festive robe from me; if you cannot, you shall receive twelve slaps on the cheek and twenty-five on the soles of your feet, because you are then called Selim the Scholar for nothing.”

  24. Selim verneigte sich und sprach:

    Selim bowed and said:

  25. „Dein Wille geschehe, o Herr!“

    “Your will be done, O lord!”

  26. Lange betrachtete er die Schrift, plötzlich aber rief er aus:

    For a long time he looked at the writing, but suddenly he exclaimed:

  27. „Das ist Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.“

    “That is Latin, O lord, or I shall be hanged.”

  28. „Sag, was drinsteht“, befahl der Kalif, „wenn es Lateinisch ist.“

    “Tell me what it says,” commanded the Caliph, “if it is Latin.”

  29. Selim fing an zu übersetzen:

    Selim began to translate:

  30. „Mensch, der du dieses findest, preise Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache der Tiere. Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du verwandelt bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das Zauberwort gänzlich aus deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.“

    “O man who findeth this, praise Allah for His grace. Whoever takes a pinch of the powder in this box and utters: mutabor, can transform himself into any animal and also understand the language of animals. Should he wish to return to his human form, let him bow thrice toward the East and speak that word; but beware, once transformed, that you do not laugh, or the magic word shall disappear entirely from your memory, and you will remain an animal.”

  31. Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die Maßen vergnügt.

    When Selim the Scholar had read this, the Caliph was delighted beyond measure.

  32. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn.

    He made the scholar swear to tell no one of the secret, presented him with a fine robe, and dismissed him.

  33. Zu seinem Großwesir aber sagte er:

    To his Grand Vizier, however, he said:

  34. „Das heiß’ ich gut einkaufen, Mansor! Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du zu mir; wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!“

    “Now that I call a good bargain, Mansor! How I look forward to being an animal. Come to me tomorrow morning; we shall go out into the field together, take a little pinch from my box, and eavesdrop on what is being said in the air and in the water, in the forest and the field!”

  35. Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem Spaziergang zu begleiten.

    The next morning, Caliph Chasid had barely finished breakfast and dressed when the Grand Vizier appeared to accompany him on his walk, as he had ordered.

  36. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen, zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großwesir ganz allein auf den Weg.

    The Caliph tucked the box with the magic powder into his belt, and after ordering his retinue to stay behind, set off all alone with the Grand Vizier.

  37. Sie gingen zuerst durch die weiten Gärten des Kalifen, spähten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu probieren.

    They first walked through the Caliph's vast gardens, but searched in vain for any living creature on which to try their trick.

  38. Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe, die durch ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit erregt hatten.

    The Vizier finally suggested going further out to a pond where he had often seen many animals, particularly storks, whose solemn demeanor and clattering had always caught his attention.

  39. Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem Teich zu.

    The Caliph approved of his Vizier's suggestion and walked with him toward the pond.

  40. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch ernsthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor sich hinklappernd.

    When they arrived there, they saw a stork walking gravely up and down, searching for frogs and clattering to itself now and then.

  41. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen anderen Storch dieser Gegend zuschweben.

    At the same time, they also saw another stork soaring far above in the air toward this spot.

  42. „Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr“, sagte der Großwesir, „wenn nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?“

    “I bet my beard, most gracious lord,” said the Grand Vizier, “if these two long-legs aren't about to have a fine conversation with each other. How about if we turned into storks?”

  43. „Wohl gesprochen!“

    “Well spoken!”

  44. antwortete der Kalif.

    replied the Caliph.

  45. „Aber vorher wollen wir noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.—Richtig! Dreimal gen Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir. Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!“

    “But first let us review once more how to become human again.—Right! Bowed thrice toward the East and spoken mutabor, and I am Caliph again and you Vizier. But for heaven's sake do not laugh, or we are lost!”

  46. Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen.

    While the Caliph was speaking thus, he saw the other stork soaring above their heads and slowly descending to the ground.

  47. Schnell zog er die Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar, der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor!

    Quickly he pulled the box from his belt, took a good pinch, offered it to the Grand Vizier, who likewise sniffed it, and both cried: mutabor!

  48. Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Körper bedeckten weiche Federn.

    Thereupon their legs shrank and became thin and red, the fine yellow slippers of the Caliph and his companion became misshapen stork feet, their arms became wings, their necks stretched out from their shoulders to a cubit's length, their beards vanished, and soft feathers covered their bodies.

  49. „Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir“, sprach nach langem Erstaunen der Kalif.

    “You have a handsome beak, Grand Vizier,” spoken after long astonishment the Caliph.

  50. „Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in meinem Leben nicht gesehen.“

    “By the beard of the Prophet, I have never seen such a thing in my life.”

  51. „Danke untertänigst“, erwiderte der Großwesir, indem er sich bückte, „aber wenn ich es wagen darf, möchte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch können.“

    “My humblest thanks,” replied the Grand Vizier, bowing, “but if I may dare to say so, Your Highness looks almost handsomer as a stork than as Caliph. But come, if it please you, let us eavesdrop on our comrades over there and find out if we can really speak Storkish.”

  52. Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit dem Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den ersten Storch zu.

    Meanwhile, the other stork had landed on the ground; it cleaned its feet with its beak, preened its feathers, and walked over to the first stork.

  53. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre Nähe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch:

    The two new storks, however, hurried to get close to them, and to their astonishment heard the following conversation:

  54. „Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?“

    “Good morning, Mrs. Longlegs, so early on the meadow?”

  55. „Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig oder ein Froschschenkelein?“

    “Many thanks, dear Clackbeak! I have only fetched myself a small breakfast. Would you perhaps care for a little piece of lizard or a tiny frog leg?”

  56. „Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.“

    “Most grateful thanks; I have no appetite at all today. I am also coming to the meadow for quite another reason. I am to dance before my father's guests today, and so I want to practice a little in quiet.”

  57. Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch das Feld.

    At the same time, the young female stork stepped through the field in wondrous movements.

  58. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber in malerischer Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie sich erst nach langer Zeit erholten.

    The Caliph and Mansor watched her in amazement; but when she stood in a picturesque pose on one foot and gracefully fanned her wings to go with it, the two could contain themselves no longer; uncontrollable laughter burst from their beaks, from which they only recovered after a long time.

  59. Der Kalif faßte sich zuerst wieder:

    The Caliph composed himself first:

  60. „Das war einmal ein Spaß“, rief er, „der nicht mit Gold zu bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch unser Gelächter sich haben verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch noch gesungen!“

    “That was indeed a joke,” he cried, “that cannot be bought with gold; pity that the animals let themselves be frightened away by our laughter, otherwise they surely would have sung as well!”

  61. Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der Verwandlung verboten war.

    But now it occurred to the Grand Vizier that laughing during the transformation was forbidden.

  62. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen mit.

    He therefore shared his dread with the Caliph.

  63. „Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring’ es nicht heraus.“

    “By Mecca and Medina! That would be a poor joke if I had to remain a stork! Do remember that stupid word, I cannot get it out.”

  64. „Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: mu—mu—mu—“

    “We must bow thrice toward the East and speak: mu—mu—mu—”

  65. Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre Schnäbel beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer!

    They positioned themselves facing East and bowed continuously so that their beaks almost touched the ground; but, oh woe!

  66. Das Zauberwort war ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich auch sein Wesir mu—mu dazu rief, jede Erinnerung daran war verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben Störche.

    The magic word had escaped them, and as often as the Caliph bowed, as longingly as his Vizier called mu—mu in response, every memory of it had vanished, and poor Chasid and his Vizier were and remained storks.

  67. Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten.

    Sorrowfully the enchanted ones wandered through the fields; they had no idea what to do in their misery.

  68. Aus ihrer Storchenhaut konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht, um sich zu erkennen zu geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt haben?

    They could not shed their stork skins, nor could they return to the city to make themselves known; for who would have believed a stork that he was the Caliph, and even if it had been believed, would the inhabitants of Baghdad have wanted a stork as Caliph?

  69. So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut verspeisen konnten.

    So they slunk about for several days and nourished themselves meagerly on field crops, which, however, they could not eat easily because of their long beaks.

  70. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens keinen Appetit, denn sie befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich den Magen zu verderben.

    Moreover, they had no appetite for lizards and frogs, for they feared spoiling their stomachs with such delicacies.

  71. Ihr einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage war, daß sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.

    Their only pleasure in this sad situation was that they could fly, and so they often flew onto the roofs of Baghdad to see what was taking place there.

  72. In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den Straßen; aber ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen prächtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertönten, ein Mann in einem goldbestickten Scharlachmantel saß auf einem geschmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und alle schrien:

    In the first few days they noticed great unrest and grief in the streets; but on about the fourth day after their enchantment, while sitting on the Caliph's palace, they saw a splendid procession down in the street; drums and pipes sounded, a man in a gold-embroidered scarlet cloak sat on a decorated horse, surrounded by brilliant servants, half Baghdad ran after him, and everyone shouted:

  73. „Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!“

    “Hail Mizra, ruler of Baghdad!”

  74. Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und der Kalif Chasid sprach:

    Then the two storks on the roof of the palace looked at each other, and Caliph Chasid said:

  75. „Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen Zauberers Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf—Komm mit mir, du treuer Gefährte meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht, daß an heiliger Stätte der Zauber gelöst wird.“

    “Do you guess now why I am enchanted, Grand Vizier? This Mizra is the son of my mortal enemy, the mighty sorcerer Kashnur, who swore vengeance against me in an evil hour. But I do not give up hope yet—Come with me, faithful companion of my misery, we shall journey to the tomb of the Prophet; perhaps in a holy place the spell will be broken.”

  76. Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina zu.

    They rose from the roof of the palace and flew toward the region of Medina.

  77. Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden Störche hatten noch wenig Übung.

    Flying, however, did not go particularly well, for the two storks still had little practice.

  78. „O Herr“, ächzte nach ein paar Stunden der Großwesir, „ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus; Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl, ein Unterkommen für die Nacht zu suchen.“

    “O lord,” groaned the Grand Vizier after a couple of hours, “with your permission, I cannot endure this much longer; you fly altogether too fast! Besides, it is already evening, and we would do well to seek shelter for the night.”

  79. Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie dahin.

    Chasid gave ear to his servant's request, and as he spotted a ruin down in the valley that seemed to offer shelter, they flew down there.

  80. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten, schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein.

    The place where they settled for the night seemed to have formerly been a castle.

  81. Schöne Säulen ragten unter den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses.

    Beautiful columns projected from beneath the ruins, and several chambers that were still fairly well preserved bore witness to the former splendor of the house.

  82. Chasid und sein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein trockenes Plätzchen zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen.

    Chasid and his companion walked through the corridors looking for a dry little spot; suddenly, Mansor the stork stopped.

  83. „Herr und Gebieter“, flüsterte er leise, „wenn es nur nicht töricht für einen Großwesir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor Gespenstern zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.“

    “Lord and master,” he whispered softly, “if only it were not foolish for a Grand Vizier, and even more so for a stork, to be afraid of ghosts! I feel quite uneasy, for right next door there was quite audible sighing and groaning.”

  84. Der Kalif blieb nun auch stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem Menschen als einem Tiere anzugehören schien.

    The Caliph now stopped as well and quite clearly heard a soft weeping that seemed to belong to a human rather than an animal.

  85. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stürzen.

    Full of expectation, he wanted to go toward the place from which the sounds of lamentation came; but the Vizier grabbed his wing with his beak and begged him piteously not to plunge into new, unknown dangers.

  86. Doch vergebens!

    Yet in vain!

  87. Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang.

    The Caliph, who had a brave heart even under his stork wing, broke free at the cost of a few feathers and rushed into a dark corridor.

  88. Bald war er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus er deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm.

    Soon he reached a door that seemed only ajar, from behind which he heard distinct sighs along with a little wailing.

  89. Er stieß mit dem Schnabel die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen.

    He pushed the door open with his beak, but stopped in surprise on the threshold.

  90. In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster spärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen.

    In the ruined chamber, which was only dimly lit by a small barred window, he saw a large night owl sitting on the floor.

  91. Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, runden Augen, und mit heiserer Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen Schnabel heraus.

    Heavy tears rolled from her large, round eyes, and in a hoarse voice she uttered her laments through her curved beak.

  92. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei.

    When she caught sight of the Caliph and his Vizier, who had meanwhile also crept up, she raised a loud cry of joy.

  93. Zierlich wischte sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zu dem größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch:

    Daintily she wiped the tears from her eye with her brown-spotted wing, and to the greatest astonishment of the two, she called out in good human Arabic:

  94. „Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist mir einst prophezeit worden!“

    “Welcome, storks! You are a good sign of my salvation to me; for through storks a great fortune would come to me, as was once prophesied to me!”

  95. Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche Stellung und sprach:

    When the Caliph had recovered from his astonishment, he bowed his long neck, brought his thin feet into a graceful pose, and said:

  96. „Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.“

    “Night owl! According to your words, I may believe that I see a fellow sufferer in you. But alas! Your hope that your salvation will come through us is in vain. You will recognize our helplessness yourself once you hear our story.”

  97. Die Nachteule bat ihn zu erzählen, was der Kalif sogleich tat.

    The night owl begged him to tell it, which the Caliph did at once.

  98. Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie ihm und sagte:

    When the Caliph had presented his story to the owl, she thanked him and said:

  99. „Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht weniger unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien, ich, seine einzige unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte sich unter einer anderen Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als ich einst in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und rief mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren:,Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt.

    “Hear my story as well and learn how I am no less unfortunate than you. My father is the King of India, and I, his only unhappy daughter, am named Lusa. That wizard Kashnur who enchanted you has also plunged me into misery. He came to my father one day and demanded me as a wife for his son Mizra. But my father, who is a quick-tempered man, had him thrown down the stairs. The wretch managed to sneak back near me under another form, and when I wanted to take refreshments in my garden one day, disguised as a slave, he administered a potion to me that transformed me into this hideous form. Fainting from horror, he brought me here and shouted into my ears in a terrifying voice: ‘There you shall remain, ugly, despised even by the animals, until your end, or until someone of his own free will desires you as his wife, even in this terrible shape.

  100. So räche ich mich an dir und deinem stolzen Vater.‘

    Thus I take revenge on you and your proud father.’

  101. Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.“

    “Many months have passed since then. Lonely and sad, I live as a recluse within these walls, abhorred by the world, an abomination even to the animals; beautiful nature is closed to me, for I am blind by day, and only when the moon pours its pale light over these walls does the veiling shroud fall from my eyes.”

  102. Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen aus, denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt.

    The owl finished speaking and wiped her eyes again with her wing, for the telling of her sufferings had drawn tears from her.

  103. Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken versunken.

    The Caliph had sunk into deep thought during the princess's story.

  104. „Wenn mich nicht alles täuscht“, sprach er, „so findet zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?“

    “Unless I am completely mistaken,” he said, “there is a secret connection between our misfortunes; but where do I find the key to this riddle?”

  105. Die Eule antwortete ihm:

    The owl answered him:

  106. „O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit worden, daß ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich wüßte vielleicht, wie wir uns retten könnten.“

    “O lord! I too suspect this; for it was once prophesied to me in my earliest youth by a wise woman that a stork would bring me great fortune, and I might know how we could save ourselves.”

  107. Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine.

    The Caliph was very astonished and asked by what means she meant.

  108. „Der Zauberer, der uns beide unglücklich gemacht hat“, sagte sie, „kommt alle Monate einmal in diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzählen dann einander ihre schändlichen Werke; vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt, ausspricht.“

    “The sorcerer who has made us both miserable,” she said, “comes to these ruins once every month. Not far from this chamber is a hall. There he is accustomed to feast with many companions. Often have I eavesdropped on them there. They then tell one another of their shameful deeds; perhaps he will then pronounce the magic word that you have forgotten.”

  109. „O, teuerste Prinzessin“, rief der Kalif, „sag an, wann kommt er, und wo ist der Saal?“

    “O, dearest princess,” cried the Caliph, “tell me, when is he coming, and where is the hall?”

  110. Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann:

    The owl was silent for a moment and then said:

  111. „Nehmet es nicht ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch erfüllen.“

    “Do not take it ill, but only under one condition can I fulfill your wish.”

  112. „Sprich aus! Sprich aus!“

    “Speak up! Speak up!”

  113. schrie Chasid.

    cried Chasid.

  114. „Befiehl, es ist mir jede recht.“

    “Command; any condition is acceptable to me.”

  115. „Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.“

    “Namely, I too would like to be free at the same time; this, however, can only happen if one of you offers me his hand.”

  116. Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.

    The storks seemed somewhat taken aback by the proposal, and the Caliph motioned to his servant to step outside with him for a moment.

  117. „Großwesir“, sprach vor der Türe der Kalif, „das ist ein dummer Handel; aber Ihr könntet sie schon nehmen.“

    “Grand Vizier,” said the Caliph outside the door, “this is a foolish bargain; but you could certainly take her.”

  118. „So“, antwortete dieser, „daß mir meine Frau, wenn ich nach Hause komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen Prinzessin die Hand geben.“

    “Is that so,” replied the latter, “so that my wife scratches my eyes out when I get home? Besides, I am an old man, and you are still young and unmarried, and can better offer your hand to a young, beautiful princess.”

  119. „Das ist es eben“, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel hängen ließ, „wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt eine Katze im Sack kaufen!“

    “That is just it,” sighed the Caliph, letting his wings hang sadly, “who tells you that she is young and beautiful? That is buying a pig in a poke!”

  120. Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der Kalif sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten wollte, entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen.

    They urged each other at length; but finally, when the Caliph saw that his Vizier would rather remain a stork than marry the owl, he resolved to fulfill the condition himself instead.

  121. Die Eule war hocherfreut.

    The owl was overjoyed.

  122. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren Zeit hätten kommen können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die Zauberer sich versammeln würden.

    She confessed to them that they could not have come at a better time, because the sorcerers would probably assemble that very night.

  123. Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu führen; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen.

    She left the chamber with the storks to lead them to that hall; they walked for a long time down a dark corridor; at last a bright glow shone toward them from a half-dilapidated wall.

  124. Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu verhalten.

    When they arrived there, the owl advised them to remain completely quiet.

  125. Sie konnten von der Lücke, an welcher sie standen, einen großen Saal übersehen.

    From the gap where they stood, they could look out over a large hall.

  126. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und prachtvoll verziert.

    It was decorated all around with columns and splendidly adorned.

  127. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des Tages.

    Many colored lamps replaced the light of day.

  128. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und ausgesuchten Speisen besetzt.

    In the middle of the hall stood a round table set with many exquisite dishes.

  129. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf welchem acht Männer saßen.

    Around the table stretched a sofa on which eight men sat.

  130. In einem dieser Männer erkannten die Störche jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte.

    In one of these men, the storks recognized that peddler who had sold them the magic powder.

  131. Sein Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen.

    The man sitting next to him asked him to tell them about his latest deeds.

  132. Er erzählte unter anderen auch die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs.

    Among others, he also related the story of the Caliph and his Vizier.

  133. „Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?“

    “What kind of word did you give them, then?”

  134. fragte ihn ein anderer Zauberer.

    asked him another sorcerer.

  135. „Ein recht schweres lateinisches, es heißt mutabor.“

    “A rather difficult Latin one; it is called mutabor.”

  136. Als die Störche an der Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden beinahe außer sich.

    When the storks at the gap in the wall heard this, they were beside themselves with joy.

  137. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem Tore der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte.

    They ran on their long legs toward the gate of the ruin so fast that the owl could scarcely follow.

  138. Dort sprach der Kalif gerührt zu der Eule:

    There the Caliph spoke to the owl, deeply moved:

  139. „Retterin meines Lebens und des Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan, mich zum Gemahl an!“

    “Deliverer of my life and the life of my friend, accept me as your husband in eternal gratitude for what you have done for us!”

  140. Dann aber wandte er sich nach Osten.

    Then, however, he turned toward the East.

  141. Dreimal bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne entgegen, die soeben hinter dem Gebirge heraufstieg:

    Thrice the storks bowed their long necks toward the sun, which was just rising behind the mountains:

  142. „Mutabor!“

    “Mutabor!”

  143. riefen sie, im Nu waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen.

    they cried, and in an instant they were transformed, and in the supreme joy of their newly granted life, master and servant lay in each other's arms, laughing and weeping.

  144. Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen?

    Who, however, could describe their astonishment when they looked around?

  145. Eine schöne Dame, herrlich geschmückt, stand vor ihnen.

    A beautiful lady, splendidly adorned, stood before them.

  146. Lächelnd gab sie dem Kalifen die Hand.

    Smiling, she offered her hand to the Caliph.

  147. „Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?“

    “Do you no longer recognize your night owl?”

  148. sagte sie.

    she said.

  149. Sie war es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut entzückt.

    It was indeed her; the Caliph was enchanted by her beauty and grace.

  150. Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu.

    The three of them now set out together toward Baghdad.

  151. Der Kalif fand in seinen Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen Geldbeutel.

    In his clothes, the Caliph found not only the box of magic powder but also his purse.

  152. Er kaufte daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad.

    Therefore, in the next village, he bought whatever was needed for their journey, and so they soon reached the gates of Baghdad.

  153. Dort aber erregte die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen.

    There, however, the arrival of the Caliph excited great astonishment.

  154. Man hatte ihn für tot ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen geliebten Herrscher wiederzuhaben.

    He had been reported dead, and the people were therefore overjoyed to have their beloved ruler back.

  155. Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra.

    All the more, however, did their hatred burn against the impostor Mizra.

  156. Sie zogen in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen.

    They marched into the palace and took the old sorcerer and his son prisoner.

  157. Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen.

    The Caliph sent the old man to the very same chamber in the ruin that the princess had inhabited as an owl, and had him hanged there.

  158. Dem Sohn aber, welcher nichts von den Künsten des Vaters verstand, ließ der Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle.

    To the son, however, who understood nothing of his father's arts, the Caliph gave the choice of whether he wished to die or take a pinch of snuff.

  159. Als er das letztere wählte, bot ihm der Großwesir die Dose.

    When he chose the latter, the Grand Vizier offered him the box.

  160. Eine tüchtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storch.

    A hearty pinch, and the Caliph's magic word transformed him into a stork.

  161. Der Kalif ließ ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten aufstellen.

    The Caliph had him locked in an iron cage and set up in his garden.

  162. Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; seine vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er sich herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah.

    Long and happily lived Caliph Chasid with his wife, the princess; his happiest hours were always those when the Grand Vizier visited him in the afternoon; then they often spoke of their stork adventure, and when the Caliph was in a particularly cheerful mood, he condescended to imitate the Grand Vizier and how he had looked as a stork.

  163. Er stieg dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte, wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich vergeblich nach Osten geneigt und Mu—Mu—dazu gerufen habe.

    He would then step seriously up and down the room with stiff legs, clattering, fanning his arms like wings, and showing how the other had bowed in vain toward the East and called Mu—Mu—in response.

  164. Für die Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und Mu—Mu—schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir: Er wolle das, was vor der Türe der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau Kalifin mitteilen.

    For the Caliph's wife and her children, this performance was always a great joy; but when the Caliph clattered and nodded and shouted Mu—Mu—far too long, the Vizier would smile and threatingly warn him that he would reveal to the Caliph's wife what had been negotiated outside the door of Princess Night Owl.

  165. Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute sehr zufrieden damit.

    When Selim Baruch had finished his story, the merchants showed themselves very pleased with it.

  166. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne daß wir merkten wie!“

    “Truly, the afternoon has passed for us without our realizing how!”

  167. sagte einer derselben, indem er die Decke des Zeltes zurückschlug.

    said one of them, pulling back the flap of the tent.

  168. „Der Abendwind wehet kühl, und wir könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“

    “The evening wind blows cool, and we could still cover a good distance.”

  169. Seine Gefährten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg.

    His companions agreed; the tents were taken down, and the caravan set off in the same order in which it had arrived.

  170. Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell.

    They rode almost all night long, for it was stifling during the day, but the night was refreshing and starlit.

  171. Sie kamen endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe.

    They finally arrived at a comfortable campsite, pitched their tents, and lay down to rest.

  172. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund wäre.

    For the stranger, however, the merchants cared as if he were their most valued guest-friend.

  173. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er zu Hause wäre.

    One gave him cushions, another blankets, a third gave him slaves; in short, he was served as well as if he were at home.

  174. Die heißeren Stunden des Tages waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen einmütig, hier den Abend abzuwarten.

    The hotter hours of the day had already arrived when they rose again, and they unanimously decided to wait here until evening.

  175. Nachdem sie miteinander gespeist hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den ältesten und sprach:

    After they had dined together, they drew closer together again, and the young merchant turned to the eldest and said:

  176. „Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.“

    “Selim Baruch gave us an enjoyable afternoon yesterday; how would it be, Achmet, if you were to tell us something as well, whether it be from your long life, which surely has many adventures to show, or whether it be a pretty fairy tale?”

  177. Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen:

    Achmet remained silent for a time at this address, as if he were in doubt within himself whether he should say this or that, or not; at last he began to speak:

  178. „Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.“

    “Dear friends! You have proven yourselves faithful companions on this journey of ours, and Selim too deserves my trust; therefore I will share something from my life with you that I usually tell reluctantly and not to everyone: the story of the ghost ship.”